Wie Marcus Gallus zu Glorowin kam
In den Tagen, in denen Marcus Gallus in Spanien am Hofe des Wandalen Borizu weilte, begab es sich, daß er beim Gang durch die Ställe ein wildes Geschrei hörte. Er fragte einen der Stallburschen, um was es sich handle. Dieser antwortete: "Herr, das ist Beißer. Er ist unzähmbar, nie geritten und er schlägt alles kurz und klein, was ihm unter die Hufe kommt. Aber der Herr Borizu behält ihn, denn er hat eine edle Abstammung." Nun war es aber so, daß Marcus Gallus auf seinen Reisen einiges über wilde und angeblich unzähmbare Tiere gelernt hatte. Deswegen fragte er: "Und wo ist dieser Beißer? Ich möchte ihn gerne einmal ansehen." Der Bursche antwortete: "Herr, sein Stall befindet sich am anderen Ende des Hofes, damit er die übrigen Pferde nicht verrückt macht. Aber niemand darf ihn ohne Erlaubnis des Herrn Borizu öffnen." "Ich danke dir für die Auskunft", sagte Marcus, denn er war schon immer ein höflicher Mensch gewesen.
Er wollte aber doch einen heimlichen Blick auf Beißer werfen. Er ging zu dem Stall, aus dem das Geschrei gedrungen war. Es war ein Verschlag, vollständig verschlossen. Als Beißer einen Fremden in der Nähe witterte, schrie er noch wilder und hämmerte mit seinen Hufen gegen die Wand. Marcus schlich sich auf die windabgewandte Seite, und Beißer wurde still, denn er versuchte, die Witterung wiederaufzunehmen. Auf dieser Seite des Stalls entdeckte Marcus ein kleines Loch im Holz, nicht viel größer als ein Finger dick ist. Und so warf er einen Blick hinein und sah das Pferd, daß alle Beißer nannten, zum ersten Mal. Da niemand ihn zu putzen vermochte, war er natürlich verdreckt und ungepflegt. Es versuchte immer noch, den Geruch des Fremden zu lokalisieren, und so stand er im Stall, jeder Muskel gespannt, die Nüstern weit gebläht. Marcus Gallus sah sofort, daß dies das beste Pferd sein mußte, daß Borizu je gezüchtet hatte, und er verstand, warum er sich nicht von ihm trennen konnte. Da drehte der Wind, und Beißer begann wieder, vor Wut um sich zu schlagen und zu schreien. Da verschwand Marcus schnell, um nicht entdeckt zu werden.
Noch am selben Tag sprach er Borizu bei der abendlichen Tafel auf das wilde Pferd an. Dieser bekam einen wehmütigen Blick und sagte: "Er sollte die Krone meiner Schöpfung sein, der Fürst unter den Pferden, würdig, einen König in die Schlacht zu tragen. Aber er ist hinterhältig und böse und wird nie einen Reiter tragen. Ich hätte mich seiner längst entledigen sollen. Zur Zucht kann ich ihn nicht einsetzen, denn er wird seine Bosheit an seine Nachkommen vererben."
Marcus Gallus wollte jedoch versuchen, Beißer zu zähmen. Borizu lachte und sprach: "Ich wette mit Euch um jeden Preis, daß Ihr dies nicht fertigbringt!" "So laß denn das Pferd selbst den Preis sein. Falls ich es nicht fertigbringe, so nützt er Euch nichts. Zähme ich ihn jedoch, so soll er mir gehören, und für Euch wäre es kein großer Verlust." Borizu aber antwortete: "Lieber Herr Marcus Gallus, zähmt Ihr dieses Tier, so ist es sehr wohl ein großer Verlust für mich, denn es gibt keinen Zweiten mit einer solchen Abstammung und solchen Fähigkeiten. Aber ich will die Wette annehmen, wenn Ihr einen ähnlich wertvollen Preis dagegen setzt. Und da Ihr Euren Preis selbst wähltet, werde ich das auch tun: ich wähle Euer Schwert. Denn gewinne ich die Wette und Ihr zähmt Beißer nicht, dann schlägt er Euch gewißlich tot und dann braucht Ihr Euer Schwert nicht mehr. Es ist also kein großer Verlust." Denn Borizu hatte schon lange einen begierlichen Blick auf das wertvolle Schwert des Marcus Gallus geworfen, das mit Edelsteinen verziert war und eine hundertfach gehärtete arabische Klinge besaß.
Nun zweifelte Marcus doch an seiner Sache. Sein Schwert war ein Familienerbstück, das er nur zum Baden ablegte und das eine glorreiche Vergangenheit hatte - es hieß, daß es noch aus den punischen Kriegen stamme und ehemals einem karthagischen Fürsten gehörte. Doch dann fiel ihm wieder der Anblick des Hengstes ein und wie dessen Vorfahren nach Hiberia gekommen waren. Da erschien ihm sein Schwert ein passender Preis und er sprach "Herr Borizu, der Preis erscheint mir hoch, aber dieses Pferdes würdig. Unwürdig hingegen ist der Name, den Ihr ihm gegeben habt." Borizu antwortete: "Den Namen Beißer haben die Stalljungen gewählt, nachdem er schon als Fohlen alles und jeden biß, der ihm zu nahe kam." Und er hielt seine linke Hand hoch, bei der drei Finger zur Hälfte fehlten. "Sein richtiger Name ist Glorowin, Sohn des Gordon und der Marsha."
Und so kam es, daß Marcus Gallus sein Schwert gegen das beste Pferd setzte, daß er je gesehen hatte. Und es war auch das wildeste Tier, das er je zähmen wollte. Er hatte gut daran getan, die Wette nur auf "zähmen" und nicht auf "reiten" lauten zu lassen, denn zeit seines Lebens duldete Glorowin keinen Reiter auf seinem Rücken.
Wie Marcus es genau fertigbrachte, das wird wohl immer sein Geheimnis bleiben, aber er begann damit, Glorowin aus seinem Verschlag in eine geräumige Scheune zu bringen. Dort verbrachte er eine Menge Zeit, und die Stalljungen spähten voll Sorge durch die Ritzen hinein, ob sie den Herrn Marcus bald verletzt heraus tragen müßten. Er holte sich auch ein paar Blessuren, aber er gewann das Vertrauen des Pferdes.
Nach dem langen, nassen Winter war endlich der Frühling und damit die Zeit gekommen, die Wette einzulösen. Der gesamte Hof Borizus hatte sich am großen Reitplatz versammelt, um dem Schauspiel beizuwohnen. Die Scheune öffnete sich, und Marcus trat hinaus. Hinter ihm ging, ohne daß ein Zügel ihn gehalten hätte, Glorowin. Er tänzelte vor Aufregung, als er die Menge sah, aber er folgte Marcus bis auf den Reitplatz. Dort drehte Marcus sich um und legte die Hand auf seine Nüstern. Die Menge applaudierte. Glorowin erschrak und warf den Kopf hoch, blieb jedoch zitternd stehen. Auf ein Zeichen von Marcus begann er, um ihn herum im Kreis zu laufen. Und was war das für ein wunderbarer Gang! Borizu seufzte und konnte sich nicht satt sehen an diesem Pferd. Auf ein weiteres Zeichen wechselte Glorowin die Richtung, und er führte alle Gangarten vor. Schließlich stellte er sich wieder hinter Marcus. Dieser zog einen Riemen hervor, legte ihn Glorowin um den Hals und führte ihn vor die Tribüne, wo Borizu stand. Er rief ihm zu: "Herr Borizu, ich habe meine Wette gewonnen! Ihr habt wahrlich einen Fürsten unter den Pferden hervorgebracht!"
Da packte Borizu jedoch der Neid, und er wollte das Pferd nicht hergeben. Er antwortete: "Herr Marcus Gallus, ich bin beeindruckt. Nun möchte ich Euch noch auf Glorowin reiten sehen." Das war jedoch nicht möglich, wie beide wußten.
"Davon war in der Wette keine Rede!", antwortete Marcus. "Die Zähmung eines Pferds bedeutet stets auch, daß es geritten werden kann. Wozu sollte ein Pferd denn sonst gut sein?", rief Borizu. "Dieser Meinung bin ich nicht! Jeder hier würde, könnte er frei sprechen, mir zustimmen, daß ich Glorowin gezähmt habe. Wenn Ihr nun etwas anderes behauptet, seit Ihr ein Betrüger." Da geriet Borizu in Wut, und er ließ Marcus ergreifen. Dieser rief jedoch: "Wenn Ihr auch nur einen Funken Anstand habt, dann laßt uns diese Sache mit einem ehrlichen Kampf entscheiden!"
Und so kam es, daß sich kurze Zeit später Borizu, der wandalische Fürst, und Marcus Gallus, der römische Ritter, im Turnier gegenüber standen. Es war ein langer und harter Kampf, doch Marcus war der Erfahrenere, so daß Borizu bald im Staub lag und die Spitze des Schwertes, daß er so begehrte, auf seinen Hals gerichtet war. "Stecht zu und nehmt Euch meinen größten Schatz", röchelte er. Doch Marcus nahm das Schwert weg und sprach: "Erhebt Euch. Euren größten Schatz werde ich Euch nehmen, aber ich werde Euch zum Ausgleich einen würdigen Nachfolger Glorowins senden. Ich gedenke nämlich, nach Britannien zu reisen und dort eine Pferdezucht zu beginnen." Er verließ den Hof noch am selben Tag, auf seinem eigenen Pferd, und Glorowin folgte ihm. Und Borizu ließ ihn ziehen, obwohl er innerlich vor Wut kochte.