Mittsommerfest im Jahr des Herrn 520 - zweier Ritter Knappe

Von Ellen

Pfeifend fegte Elffin die Stallgasse. Zwar handelte es sich bei diesem Stalldienst um eine Strafarbeit, aber Stallarbeit bei den Pferden war für Elffin niemals Strafe. Glücklicherweise hatte der erboste Lord Cerdwin, der ihm unterstellt hatte, seine Nichte verführt zu haben, nicht daran gedacht, dass Elffin ein ungewöhnlicher Knappe war, dem Stalldienst nichts ausmachte. "Nun Merrygold, wie geht es dir? Keine Angst, dein Fohlen kommt bald und es wird bestimmt eine solche Schönheit werden wie seine Mutter," redete er einer hochträchtigen Stute zu, die in der nächsten Zeit fohlen sollte. Das Pferd schaute ihn aus großen feuchten Augen an und schnaubte auffordernd. Lachend stellte Elffin den Besen beiseite. "Du bist doch eine Unverbesserliche und deine Nase ist besser als die des besten Jagdhundes des Seneschalls. Hier hast du." Er zog einen Apfel aus seiner Tunika und gab ihn der Stute. Liebevoll kraulte er die Stirn, während das Pferd den Apfel zermalmte und Elffin einen Stupser gab.

Die Traulichkeit wurde durch raschen Hufschlag unterbrochen. Mehrere Reiter kamen in den Hof geritten, ein vertrauter Anblick in diesen Tagen, da eine Menge Leute nach Caerleon strömten, um mit dem König zusammen das Johannisfest zu feiern. Elffin verzog das Gesicht. Er hatte mit dem Christentum nie viel anfangen können und freute sich auf die Sonnwendfeuer, die in der kommenden Nacht überall brennen würden. Dann würde er mit den anderen feiern, tanzen und vielleicht mit einem Mädchen in der warmen Nacht scherzen und in ihren Armen die Zeit vergessen.

Von Neugier überwältigt ließ Elffin seinen Besen im Stich und trat in den Hof. Mehrere Ritter mit Gefolge waren angekommen und saßen gerade ab. Ihre Knappen hielten die Streitrösser am Leitzügel, prächtige Tiere, wie Elffin feststellte. Als er den dritten betrachtete, fiel ihm die Hülle hinter dem Sattel auf und sein Herz machte einen Sprung. Eine Harfe! Der dritte Ritter war ein Harfner. Bevor Elffin weiter beobachten konnte, winkte ihn der Harfner zu sich und drückte ihm die Zügel seines Pferdes in die Hand. Dann folgte er mit langen Schritten seinen Gefährten. Das letzte, was Elffin von den Neuankömmlingen hörte, war "... mit Merlin reden."

Beim abendlichen Dienst bekam Elffin den Tisch der Neuankömmlinge zugewiesen. Schweigsam bediente er die Herrschaften, wie es sich für einen Knappen bei Hofe gehörte, und erfuhr so ihre Namen: Sir Gaius, Sir Cay, Sir Dylan und noch ein anderer, der aus Irland kam, bei Artus Abenteuer erleben wollte und Sir Craigh hieß. Plötzlich redete ihn Sir Dylan an: "Hast du auch einen Namen, Junge?"
"Ja Herr, Elffin."
"Soso, nun Elffin, weißt du, wo heute die Mittsommernacht gefeiert wird?"
Elffin strahlte. "Natürlich Herr. Wollt Ihr hingehen und mitfeiern?"
Lächelnd bestätigte Dylan und setzte noch ein "Kannst du uns den Weg zeigen?" hinzu. Auch Sir Craigh wollte zur Mittsommernacht gehen, nur Sir Gaius runzelte die Stirn und murmelte etwas von "zur Messe gehen".
Die Mittsommernacht wurde das rauschende Fest, das Elffin erwartet hatte. Was er nicht erwartet hatte, war, dass Dylan seine Harfe mitgebracht hatte und auf ihr spielte. Elffin konnte sich nicht losreißen. Von allen Instrumenten war ihm die Harfe das liebste und er hatte sich schon manche Kopfnuss und Schlimmeres eingehandelt, weil er alles hatte stehen- und liegen lassen, um einem Harfner zuhören zu können. Am nächsten Morgen übertönte allerdings das Brummen in seinem Schädel die süßen Harfenklänge des vergangenen Abends. Eines der Hörnchen Met musste wohl schlecht gewesen sein. Und dann wurde er auch noch zum König befohlen. Verwirrt überlegte Elffin, welche Missetaten er diesmal begangen hatte, während er seine Tunika glatt strich und sich die Haare aus dem Gesicht strich. Ein letzter kritischer Blick, dann wurde er in die Halle gerufen. "Ihr habt nach mir geschickt, mein König?" Elffin verneigte sich geziemend. Ein verstohlener Blick in die Runde zeigte ihm, dass er nicht allein war. Die vier Ritter vom gestrigen Abend waren anwesend.
"Das habe ich. Elffin, es ist an der Zeit, dass du deinen Dienst auf einer richtigen Burg verrichtest."
Elffin war verwirrt. Caerleon war doch eine richtige Burg und platzte dies auch gleich heraus: "Aber dies ist doch eine Burg, Hoheit."
Ein Kichern ließ ihn aufblicken. Sir Gaius und seine Gefährten bemühten sich ihre Heiterkeit zu verbergen.
"Das stimmt." Die Worte des Königs lenkten Elffin von den Rittern ab, die sich über ihn lustig machten. "Aber du brauchst einen Dienstherrn, der dich weiter ausbildet. Hier hast du niemanden, an den du dich wenden kannst. Deshalb," fuhr Artus fort und erhob die Stimme, um den Protest des Jungen zu ersticken, "sollst du Sir Gaius und Sir Dylan als deine Dienstherren haben und ihnen nach Castle Meady folgen. Ich erwarte, dass du ihnen ebenso aufmerksam dienst, wie du bisher mir gedient hast."
Elffins Protest erstarb in dem Augenblick, als er erfuhr, dass der Harfner auch sein Dienstherr sein sollte. Und Sir Gaius, der kleine Römer, schien eigentlich auch nicht so übel zu sein.
"Wie Ihr wünscht, mein König," antwortete Elffin und verneigte sich wieder.

Der Rest des Tages verlief für Elffin wie ein Traum, obwohl es jede Menge Arbeit für ihn gab. Die Ritter wollten am Turnier teilnehmen, bis auf Sir Dylan, der dankend ablehnte. Elffins Lippen kräuselten sich amüsiert verächtlich, als Sir Gaius ihn fragte: "Kannst du mit Pferden umgehen? Dein Vorgänger soll dich einweisen, wie du mit Ceincaled umgehen musst." Aber er schwieg nur. Er musste ja nicht sofort damit herausplatzen, dass es kein Pferd gab, das ihn jemals gebissen, getreten oder abgeworfen hatte. Und so ließ er sich vom vorigen Knappen des Ritters die Handgriffe zeigen und schloss heimlich Freundschaft mit dem edlen Schimmel.

Als Knappe von Sir Gaius durfte Elffin diesmal innerhalb der Schranken stehen und seinen neuen Herrn begleiten, ihm in die Rüstung helfen, die Waffen reichen und was sonst noch seine Aufgaben waren. Und er jubelte Gaius begeistert zu, wenn dieser einen Gegner aus dem Sattel hob.

Zweifelhafte Gastfreundschaft

Am nächsten Morgen brachen Gaius und Dylan mit ihrem Gefolge und ihrem neuen Knappen auf. Elffin ritt, da er kein eigenes Pferd besaß, das Pony seines Vorgängers. Es war eine bunte Gruppe: die vier Ritter, Simon, der Knappe von Sir Cay, Sir Craigh, Jeanne, eine Gauklerin mit einem seltsamen Tier auf der Schulter und einem Esel als Reittier, ein Bogenschütze und ein Geistlicher, der sich ihnen angeschlossen hatte, Bruder Ratius. Elffin war gutgelaunt, weil er in die weite Welt hinausreiten konnte und Ceincaled brav am Zügel neben ihm hertrabte. Vor dem Aufbruch hatte sich Elffin noch die Taschen mit Äpfeln gefüllt. Am späten Nachmittag begann es zu regnen. Der Rappe von Sir Cay fing an, unwirsch zu tänzeln. Er hasste Regen. Dylan offensichtlich auch, denn er schlug vor, bei einem Gut, das vor ihnen am Weg auftauchte, um ein Nachtlager zu bitten. Alle waren einverstanden. Sir Gaius warf Elffin ein aufmunterndes Lächeln zu, aber noch bevor der Junge Simon den Zügel von Ceincaled in die Hand drücken konnte, ritt bereits Sir Craigh vor, um ans Tor zu klopfen.Als die Gruppe langsam nachkam, hörte Elffin noch die letzten Worte von Sir Craigh, die ihm doch zu sehr nach unterwürfiger Bitte klangen. Offensichtlich gab es Schwierigkeiten. Als sie ankamen, sagte Craigh kurz: "Wir werden angekündigt."
Aber das Tor war fest verschlossen und blieb es noch eine ganze Weile, während der Regen allmählich innen an Elffins Kragen herunterrann. Schließlich öffnete der Seneschall die Pforte, warf einen angewiderten Blick auf die Gruppe und spazierte betont langsam über den Hof davon.
Elffin platzte der Kragen. Wenn er eines nicht ausstehen konnte, so waren es Geiz und mangelnde Gastfreundschaft.
"Nun macht schon vorwärts, oder wollt Ihr die Ritter und den Lieblingsbarden des Königs hier im Regen ertrinken lassen?" fuhr er den Seneschall an, der beeindruckt die Augen aufriss und seine Schritte tatsächlich beschleunigte. Natürlich war es übertrieben, aber das musste diese Vogelscheuche im Schlamm ja nicht wissen. Nur der scharfe Blick von Sir Gaius hinderte Elffin, noch ein paar passende Bemerkungen hinterher zu schicken. So begnügte er sich mit einem sehr zufriedenen "Na also, geht doch."
Schließlich war es seine Pflicht als Knappe, für das Wohl seiner Herrschaft zu sorgen, und das hatte er vor. Das Abendessen an der Tafel war noch schlimmer und es brauchte einige strenge Worte von Dylan, um Elffin davon abzuhalten, seine Meinung zu dieser Art Gastfreundschaft laut kund zu tun. Wenn es der Gastgeber darauf angelegt haben sollte, die neuen Gäste zu beleidigen, war ihm dies gelungen. Ein Tisch ganz unten an der Tafel, miserables Essen, saurer Wein, zwei Spielleute, die ihren Flöten ein gequältes Quieken entlockten, schlimmer konnte es nicht werden. Elffin war schlechter Laune, weil er seine Herren nicht bedienen durfte, und hing finsteren Gedanken nach. Eine Dienstmagd, ein dralles hübsches Mädchen flirtete der Reihe nach mit den Rittern, bis sie bei Sir Craigh Erfolg hatte und von ihm ein zustimmendes Zwinkern erntete. Elffin unterdrückte ein Grinsen. Wenigstens einer von ihnen würde die Nacht nicht einsam verbringen.

Von den anderen Anwesenden erfuhren sie, dass Sir Barius, ihr ""Gastgeber" und Herr von Marshfield Manor, ein elender Geizkragen sei, der zwei Töchter zu verheiraten hatte und für den nächsten Tag ein Turnier ausrichten wollte, um seine Großzügigkeit unter Beweis zu stellen. Elffin schnaubte geringschätzig. Wenn das Turnier so ausfiel wie das Abendessen... Als ihnen für das Nachtlager die Wahl zwischen der Halle und dem Heuboden über dem Stall gelassen wurde, genügte allen ein Blick in die Runde. Dann entschieden sie sich für den Heuboden.

Man ging zeitig schlafen. Irgendwann gegen Morgen hörte Elffin im Halbschlaf jemanden die Leiter zum Heuboden heraufklettern und sich ins Stroh legen. ‚Wahrscheinlich Sir Craigh," dachte er schlaftrunken und drehte sich auf die andere Seite.

Sir Craigh unter Mordverdacht

Als alle am anderen Morgen zum Frühstück in die Halle kamen, erwartete sie lautes Gezeter. Sir Barius stürzte sich wie ein Geier auf die Ritter und fuhr sie an. "So entgeltet Ihr mir meine Gastfreundschaft? Mit einem Mord? Ritter wollt ihr sein? Unter meinem Dach habt ihr sie umgebracht! Setzt ihn fest!"
Anklagend deutete er mit dem Finger auf Sir Craigh, der wie vom Donner gerührt da stand und auf die Anklagen nichts zu entgegnen wusste. Ein unbehagliches Schweigen entstand, während die Knechte des Hausherrn immer näher kamen. Elffin trat unruhig von einem Fuß auf den anderen. Was war los? Warum sagte niemand etwas? Er als Knappe konnte hier nichts sagen oder tun.
Dann hob endlich Sir Gaius die Hand. Mit schneidender Stimme sagte er: "Halt! Niemand rührt Sir Craigh an. Ihr erhebt schwere Vorwürfe gegen unseren Gefährten, Sir Barius. Hütet Euch!"
"Ich mich hüten? Ihr solltet es. Dieser Mann da hat meine Magd ermordet. Heute morgen lag sie tot im Bett. Wie kommt er dazu, hat sie ihm plötzlich nicht mehr behagt, nachdem er seinen Spaß gehabt hat? Ich sagte, setzt ihn fest!" schnappte Sir Barius.
"Er hat niemanden ermordet. Er ist ein Ritter," erklang die ruhige, aber kalte Stimme Sir Gaius’. Inzwischen hatte sich Cay an die andere Seite Craighs gestellt, so dass dieser von seinen Gefährten flankiert war.
Sir Barius blickte erbost, aber etwas verunsichert von einem zum anderen.
"Wollt ihr leugnen, dass er gestern abend mit ihr geschäkert und die Nacht mit ihr verbrachgt hat? Ein Knecht hat ihn in den frühen Morgenstunden auf den Heuboden klettern sehen. Ich fordere ein Gottesurteil. Er soll im Duell seine Unschuld beweisen."
"Es wird kein Gottesurteil geben. Wenn ich sage, dass Sir Craigh unschuldig ist, dann ist er es. Aber wir werden euch helfen, den Mörder zu finden," antwortete Sir Gaius kalt.
Sir Barius musste sich geschlagen geben. "Einverstanden. Ihr habt zwei Tage Zeit. Aber ich weiß nicht, was ihr herausbekommen wollt. Ihr habt den Mörder schließlich in eurer Mitte," willigte er unwirsch ein. Dann zog er mit seinen Knechten ab.
Elffin betrachtete Sir Craigh nachdenklich. War ihm ein Mord zuzutrauen? Er kannte den Iren nicht, aber ebenso wenig kannte er die anderen. Nochmals musterte er den Ritter. Er hatte ein ehrliches, offenes Gesicht und war von der Enthüllung ebenso entsetzt gewesen wie die anderen. Nein, wenn er töten müsste, dann offen und nicht heimlich, da war Elffin sicher.

Nachforschungen

"So, und was jetzt?" fragte Sir Gaius und brach das unbehagliche Schweigen, als alle sich wieder im Stall versammelt hatten.
"Wir sollten die Untersuchungen selbst in die Hand nehmen," war der Vorschlag von Cay. Alle waren sich einig und man teilte sich auf.
"Jeanne, du könntest die Leute in der Küche fragen," sagte Cay, "die Dienstboten sind bestimmt gesprächiger, wenn kein Ritter mit ihnen spricht."
"Ich gehe mit," warf Elffin ein. "Dann kann ich gleich schauen, dass ich ein ordentliches Frühstück organisiere." Er dachte noch immer mit Schaudern an den "Fraß" vom Vorabend.
Sir Gaius nickte zustimmend. "Gut, du gehst mit Jeanne in die Küche. Und was machen wir?"
"Ich will mir das Zimmer des Mädchens ansehen. Vielleicht gibt es dort Spuren," sagte Gamred und Bruder Ratius nickte.
Elffin machte sich mit Jeanne auf den Weg zur Küche. Die Küchenmägde waren schon eifrig bei der Arbeit und eine, ein junges hübsches Ding, warf Elffin einen aufmunternden Blick zu, bevor sie sich wieder ihrem Gemüse widmete. Elffin ließ seinen ganzen Charme spielen und entlockte sogar der ältlichen Harpyie am großen Kessel ein Lächeln und eine Menge nützliche Informationen. Allerdings verscherzte er sich ihre Sympathie wieder, als er andeutete, offensichtlich habe jemand Sir Barrius einen Gefallen getan, indem er Agatha umbrachte. Immerhin hatte er aber in Erfahrung gebracht, dass Sir Barrius Agatha nicht hatte leiden können, ihr aber trotzdem die Kammer neben der Küche gelassen hatte und sie auf der Burg geduldet hatte. Martha, die Harpyie, hatte etwas von einem "dunklen Geheimnis" gemurmelt, das Agatha gehabt hatte, und die anderen hatten bestätigt, dass Agatha verschlossen, aber sehr fleißig gewesen war. Martha vermutete, dass Agatha den Herrn mit irgendetwas erpresst haben könnte.
Elffin überließ die weitere Fragerei Jeanne und ging dem hübschen Küchenmädchen nach, das er am Brunnenrand sitzen sah. Von ihr erfuhr er ihren Namen, Bronwyn, und ansonsten, dass ein Junge namens Tarquin der Neffe Agathas war und sich gern in den Ställen der Burg herumtrieb. Außerdem deutete sie an, dass es auf dem Dachboden über der Küche ziemlich kalt sei und dass sie deshalb immer schaue, in irgendein warmes Bett kriechen zu können.
Elffin nahm die Andeutung grinsend zur Kenntnis und versprach sein Möglichstes zu tun, damit Bronwyn in der nächsten Nacht nicht frieren müsse.
Als er in den Stall zurückkehrte, um nach den Pferden zu sehen, blieb Elffin abrupt stehen. Ihm bot sich ein sehenswerter Anblick. Sir Cay striegelte mit entrücktem Blick zum zehntausendsten Mal die spiegelnde Kruppe seines Pferdes.
Elffin legte den Kopf schräg und überlegte, was er tun sollte. Aber gerade, als er den Mund aufklappte, um eine Bemerkung zu machen, wurde er von hinten angesprochen.
"Ah, da bist du ja. Und was hast du herausbekommen?"
Erschrocken wirbelte Elffin herum und sah sich Sir Gaius gegenüber, der aus einem Verschlag herauskam.
"Äh, ich ... , also... , Agatha war bei ihrem Herrn anscheinend nicht beliebt und..." nachdem sich Elffin gefangen hatte, sprudelte er heraus, was er erfahren hatte. "Und Bronwyn sagt..." – "Bronwyn?" schoss Sir Cay mit ungewöhnlich hoher Stimme dazwischen. "Was macht Bronwyn hier?"
"Ja, das Küchenmädchen. Sie sagt, dass Sir Barrius Agatha nicht in der Halle duldete, und wenn doch, sie nie am hohen Tisch bedienen ließ," antwortete Elffin verwirrt. Gab es noch eine Bronwyn?
Sir Gaius nahm das alles mit unbewegtem Gesicht zur Kenntnis. "Vielleicht war sie schwanger," überlegte er. Mit lautem Knall fiel der Striegel aus Cays Hand auf die Stallgasse. "Tschulligung." Er bückte sich und hob den Striegel wieder auf, verzweifelt darum bemüht, seine eigene Verlegenheit zu verbergen.
"Nun gut, dann lasst uns frühstücken gehen," sagte Sir Gaius und steuerte auf die Halle zu.
Das Frühstück bestand aus Porridge, der sogar genießbar war, aber Sir Dylan fehlte. Suchend schaute sich Elffin nach seinem zweiten Herrn um und wollte gerade nach ihm fragen, als ein Falke von oben herabstürzte und sich auf Cays Faust niederließ.
Elffin war begeistert. Er liebte Falken und hatte auf Caerleon ab und zu den königlichen Falknern zur Hand gehen dürfen. So betrachtete er das Tier voll Bewunderung und fragte Cay: "Ist das Eurer?" Gleichzeitig wunderte er sich, hatte er doch unterwegs nirgends ein Anzeichen des Vogels sehen können.
Cay lachte. "Nein, es ist eher andersrum. Man könnte eher sagen, dass ich ihm gehöre." Der Falke legte den Kopf schräg und fixierte den Ritter aus durchdringenden Augen.
Elffin lächelte. "Es ist ein wunderschönes und stolzes Tier. Ein Falke ist niemandes Diener, dazu ist er zu stolz und frei." Für einen Moment wurde sein Blick leer, als er ein merkwürdiges Gefühl der Fremdheit spürte, doch dann flatterte der Falke zu ihm herüber und setzte sich auf seine Stuhllehne. Das Gefühl war so schnell vorüber, wie es gekommen war und Elffin betrachtete selig den schönen Vogel. ‚Ich wollte, ich könnte fliegen wie du,’ dachte er und streckte vorsichtig einen Finger aus, um den Falken am Brustgefieder zu streicheln. Er wusste gut, wie ein Falke jemanden zurichten konnte, den er nicht mochte. Aber der Vogel ließ es sich wohlig gefallen und legte den Kopf schräg, um Elffin aus furchtlosen schwarzen Perlaugen anzustarren.
"Nun, sind alle fertig? Dann treffen wir uns nachher auf dem Heuboden," verkündete Sir Gaius und erhob sich. Der Zauber mit dem Falken war verflogen und bedauernd folgte Elffin seinem Herrn. Dylan war immer noch nicht aufgetaucht.
"Wo ist Sir Dylan?" fragte er. "In eigenen Geschäften unterwegs," antwortete Sir Cay kurz und Bruder Ratius grinste.
Elffin folgte den anderen in den Stall und lauschte dem Bericht von Bruder Ratius über seine und Sir Craighs Erkundungen.
"Die Kammer war schon aufgeräumt worden, aber es gibt keine Blutspuren. Vermutlich ist Agatha erwürgt worden," meinte Bruder Ratius. ‚Erwürgt? Nur, weil kein Blut zu sehen war? Warum nicht das Genick gebrochen oder vergiftet?’ wunderte sich Elffin.
"In der Kammer gab es keine weiteren Hinweise, aber wir haben ihre Sachen durchgesehen und dabei etwas Merkwürdiges gefunden. Ein blaues Kleid und eine Goldbrosche."
Sir Gaius blickte fragend umher. "Ein blaues Kleid? Hat das eine besondere Bedeutung?"
Elffin rieb die Finger in einer vielsagenden Geste aneinander. "Geld, Sir. Blaue Kleider sind teuer." – "Hm," meinte Sir Gaius nicht sehr geistreicht.
"Das stimmt," bestätigte Sir Cay. "Blau ist auch die Farbe der Barden," kam es trocken von der Leiter. Dylan war wieder aufgetaucht.
"Und eine Priesterin...?" – "Würde keine Goldbrosche tragen," wiegelte Dylan entschieden ab.
Elffin wunderte sich genauso über das Kleid und die Brosche. Beides passte nicht zu einer einfachen Küchenmagd. Aber Agatha war alles andere als eine einfache Küchenmagd gewesen, fand er. Sie war vom Herrn widerwillig auf der Burg geduldet, obwohl er sie nicht ausstehen konnte. Angeblich nicht ausstehen konnte, korrigierte er sich. Was die Küchenmädchen so tratschten, musste nicht absolut der Wahrheit entsprechen. Denn hatte Agatha nicht als einzige das Privileg einer eigenen Kammer besessen? Außerdem war sie länger auf Mashfield Manor gewesen als jede andere Magd. Agatha hatte irgendetwas gewusst, das sie vor Sir Barrius schützte. Äh, das vermuteten die Mägde.
"Verdammt!" entfuhr es ihm, was ihm einen scharfen Blick von Sir Gaius eintrug, aber er achtete nicht weiter darauf.
"Ob die Brosche ihr Stillschweigen erkaufen sollte?" vermutete jemand aus der Gruppe.
"Keine Ahnung. Aber wir brauchen Tatsachen, keine Vermutungen," seufzte Sir Gaius und verteilte gleich die Aufgaben für die nächste Runde Such- und Fragespiel.
"Ich will ins Dorf reiten und mit Agathas Schwester reden. Dort können wir uns auch die Leiche anschauen. Gamred und Elffin werden mich begleiten. Elffin, du kannst mit diesem Tarquin reden, wenn du ihn siehst. Hat schon jemand mit dem Koch gesprochen?"
"Nein, Sir. Als wir in der Küche waren, waren nur die Mägde da," antwortete Elffin.
"Hm, nun gut. Cay, knöpfe dir doch mit Craigh den Koch vor. Der dürfte Rittern gegenüber aufgeschlossener sein als gegenüber Knappen."
Da war Elffin zwar anderer Meinung, aber er schwieg.
"In Ordnung. Jeanne könnte sich an die Töchter von Barrius heranmachen. Sie soll ihren Affen mitnehmen, das dürfte die Damen bestimmt unterhalten," entgegnete Cay.
Jeanne war sich zwar nicht so sicher, ob das wirklich die richtige Unterhaltung für Edelfräulein sein würde, gab aber schließlich nach.
So ritt schließlich ein Ritter mit Gefolge, anders sah es nicht aus, ins Dorf, um Fragen zu stellen.

"Seid gegrüßt," wandte sich Sir Gaius formvollendet an den Schmied an der Esse. "Wir kommen von der Burg und sind auf der Suche nach dem Haus, in das die arme Agatha gebraucht wurde. Wisst Ihr, wo man sie hingebracht hat?"
Dem Schmied blieb vor Überraschung der Mund offenstehen. So vornehme Gesellschaft hatte er anscheinend nicht erwartet.
"Ja, Herr, gewiss. Das Haus meiner Vermieterin ist gleich da drüben. Es ist das größte Haus am Platz. Meine Vermieterin ist Agathas Schwester," antwortete er.
"Habt vielen Dank," Sir Gaius neigte den Kopf und lenkte sein Pferd zum Haus von Agathas Schwester. Vor der Tür saßen sie ab und Sir Gaius drückte Elffin die Zügel seines Pferdes in die Hand. "Warte hier!"
Aus dem Haus drangen die Stimmen einer scheltenden Frau und eines Jungen.
"Aber Mutter..." – "Nichts da, du treibst dich nicht schon wieder in der Burg herum. Du hilfst heute zu Hause!" – "Mutter, bitte..."
Weiter konnte Elffin nicht lauschen, denn Sir Gaius klopfte an den Türrahmen. Das Schelten verstummte abrupt. "Na gut, du kannst rausgehen. Aber dass du mir nachher wieder daheim bist. Nun lauf schon!" Diesmal klang die Stimme etwas nachsichtiger und antwortete auf das Klopfen mit einem "Herein!"
Sir Gaius, Gamred und Bruder Ratius betraten das Haus, während Elffin draußen versuchte den gewissenhaften Knappen zu spielen, dem es nichts ausmacht, sich auf der Straße die Beine in den Bauch zu stehen. Aber die willkommene Ablenkung kam soeben aus der Tür geschossen und blieb abrupt stehen, als sie die Pferde sah. Es handelte sich um einen Jungen, der etwas jünger als Elffin zu sein schien, einen hübschen Bengel mit feingeschnittenem Gesicht und rötlichen Locken. Irgendwie erinnerte er Elffin an Sir Barrius.
"Oh," entfuhr es dem Jungen. "Du bist ihr Knappe, nicht?"
Elffin nickte etwas überrascht. So rasch hatte er sich die Begegnung mit dem Neffen der Ermordeten nicht vorgestellt. Und Tarquin sprudelte munter weiter.
"Ich wollte, ich könnte auch Knappe sein. Ich mag Pferde, weißt du."
Elffin drückte dem Jungen spontan die Zügel von Gamreds und Ratius’ Pferden in die Hand.
"Hier, du kannst mir helfen. Gibt es hier einen Brunnen oder einen Bach, wo wir sie tränken können?"
Tarquin strahlte. "Sicher. Komm mit, ich zeige dir den Weg."
Einträchtig marschierten die beiden Jungen nebeneinander her zum Bach.
"Bist du der Neffe von Agatha?" fragte Elffin. "Ein Mädchen auf der Burg hat von dir erzählt. Bronwyn hieß sie."
"Oh ja, die kenne ich. Ich bin gern auf der Burg und helfe im Stall bei den Pferden. Aber meine Mutter mag es nicht, wenn ich dort bin. Sie sagt, ich soll mich nicht dort herumtreiben, dabei arbeite ich doch. Sie will auch nicht, dass ich Knappe werde. Ich soll Bauer werden und irgendwann den Hof übernehmen. Meine Tante..." Tarquin verstummte und eine Träne rollte über seine Wange.
"Ja?" fragte Elffin leise.
Tarquin schniefte kurz und riss sich zusammen. "Meine Tante war anders. Sie freute sich immer, wenn ich sie besucht habe. Wenn ich nur wüsste, wer sie umgebracht hat!" brach es plötzlich leidenschaftlich aus ihm heraus. Elffin witterte einen Verbündeten.
"Das versuchen wir gerade herauszufinden. Hör mal, du warst doch oft auf der Burg und kennst die Leute dort. Du weißt nicht zufällig, ob jemand etwas gegen sie hatte?" fragte er.
Tarquin war entrüstet. "Gegen meine Tante? Nein! Jeder mochte meine Tante. Sie war furchtbar lieb."
"Hmm," überlegte Elffin, "vielleicht ein enttäuschter Liebhaber...?"
Aber da fuhr ihm Tarquin entschieden dazwischen. "Nicht bei meiner Tante. Meine Tante war eine anständige Frau." Elffin vermutete und wusste zwar anderes, war aber klug genug zu schweigen.
Tarquin bückte sich, um seinem Pferd aus dem Zügel zu helfen, in den es beim Trinken getreten war. Etwas gelb Glitzerndes zog Elffins Blick auf sich.
"Einen schönen Anhänger hast du da. Ist das Bernstein?" fragte er.
"Ja, schau mal. Meine Tante hat ihn mir zur Taufe geschenkt. Sie war meine Patin," wieder schlich sich Trauer in die freudige Stimme des Jungen. Er tat Elffin auf einmal leid. Wie könnte man ihm nur helfen?
Der Anhänger war ein aus Bernstein gefertigtes Kreuz. Ein Schmuckstück, das durchaus einigen Wert besaß und die Küchenmagd Agatha viel Geld gekostet haben musste. Wieder eine Ungereimtheit.
"He, da ist etwas auf der Rückseite. Zeig mal!" rief Elffin plötzlich aus und schaute sich die Gravur im Bernstein genauer an.
"Das ist ein Bär! Ein heraldischer Bär aus einem Wappen. Tarquin, das ist das Wappen von Sir Barrius," platzte es aus Elffin heraus.
"Was? Sir Barrius’ Wappen? Du spinnst!" konstatierte Tarquin und verdrehte sich die Augen, um auf den Bären auf seinem Anhänger herunterzuschielen.
Aber Elffin war sich ganz sicher. "Das ist sein Wappen. Es hängt in der Halle und du hast es dort bestimmt auch schon gesehen."
Tarquin schüttelte den Kopf. "Nein, ich war noch nie in der Halle. Ich durfte dort nicht rein. Nur in den Stall."
Elffin schaute Tarquin ungläubig an. "Du durftest nicht in die Halle? Warum denn nicht?"
"Ich weiß nicht. Meine Mutter hat es nicht erlaubt."
"Und deine Tante?" - Hilfloses Schulterzucken.
Plötzlich begannen die Hinweise in Elffins Kopf durcheinander zu purzeln und fügten sich wie Puzzlestücke aneinander. Die Ähnlichkeit des Jungen mit Sir Barrius, der Anhänger mit dem Wappen... Tarquin musste ein Bastard von Sir Barrius sein. Elffin machte schon den Mund auf, um Tarquin zu verkünden, dass er wahrscheinlich doch ein Knappe werden könne, schloss ihn aber noch rechtzeitig. Was, wenn Sir Barrius seinen Sohn verleugnete? Elffin hatte auf Caerleon genug Ritter und Edelleute getroffen, um zu wissen, dass es solche und solche gab. Er war sich zwar noch nicht sicher, zu welcher Sorte seine beiden Herren gehörten, gedachte aber es in nächster Zeit herauszufinden.
Also beschloss er sich wieder auf weniger schlüpfriges Terrain zu begeben und dem Jungen keine falschen Hoffnungen zu machen.
"Sag mal, woher hatte denn deine Tante das Kreuz?" fragte er stattdessen.
"Keine Ahnung. Aber sie hat es mir zur Taufe geschenkt. Ehrlich," sagte Tarquin.
"Weißt du etwas von einem blauen Kleid und einer goldenen Brosche, die sie besessen hat?"
"Nö, so was Teures hatte meine Tante nicht. Aber vielleicht hat sie es von Sir Powell bekommen. Der hatte mal ein Interesse an ihr."
"Und wer ist Sir Powell?"
Ein Ritter von Sir Barrius. Er ist klasse. Kann tolle Geschichten erzählen."
‚Soso, ein Ritter hat sich mal für Agatha interessiert’, dachte Elffin. Naja, hübsch war sie gewesen, wenn auch für seinen Geschmack zu alt.
"...aber der Koch hatte auch seine schmierigen Finger nach ihr ausgestreckt!" fauchte Tarquin.
"Was?" Elffin schreckte aus seinen Gedanken auf.
"Ich sagte, der Koch war auch hinter meiner Tante her. Dieser schmierige, fettige Kerl!" machte Tarquin seiner Entrüstung Luft. "Bitte, findet den Kerl, der sie umgebracht hat, ja? Ich kann jetzt nicht mehr so einfach zur Burg gehen, ich kann sie ja nicht mehr besuchen."
Die letzten Worte waren sehr leise.
"Das verspreche ich dir. Wir werden ihn finden. Du kannst uns dabei helfen, Tarquin," versprach Elffin.
"Wirklich? Aber wie?" fragte Tarquin atemlos.
"Das weiß ich noch nicht, aber ich werde schon einen Weg finden. Wenn dir noch etwas einfällt, sagst du es am Besten Sir Gaius, das ist der kleine Römer, der gerade bei euch ist, oder mir, ja?" antwortete Elffin.
Dann kehrten beide mit den Pferden zum Haus zurück, wo Sir Gaius, Gamred und Bruder Ratius warteten.
Alle brannten darauf, in einem stillen Winkel ihre Erkenntnisse auszutauschen und so erfuhr Elffin, dass Agatha mit einer Garotte erdrosselt worden war.
"So eine schändliche Tat! So etwas macht nur ein ehrloser Schuft!" entfuhr es Elffin in höchstem Zorn.
"In der Tat," antwortete Sir Gaius trocken. "Und was hast du erfahren?"
"Tarquin ist wahrscheinlich ein Bastard von Sir Barrius," erzählte Elffin. "Er sieht ihm sehr ähnlich und er trägt einen Kreuzanhänger aus Bernstein um den Hals, in den auf der Rückseite das Wappen von Sir Barrius eingeschnitten ist. Er sagt, er habe es von seiner Tante zur Taufe bekommen."
"Von seiner Mutter," korrigierte Gamred.
"Tante," beharrte Elffin.
"Sie war seine Mutter... glauben wir zumindest," mischte sich nun Bruder Ratius ein. "Agatha hat mindestens einmal ein Kind zur Welt gebracht."
Diese Neuigkeit beschäftigte Elffin eine Weile. Eine blonde Mutter, ein rotblonder Vater, das würde zu dem Kind passen, das seiner angeblichen Mutter so gar nicht ähnlich sah.
"Aber wenn sie seine Mutter war, warum lebt der Junge dann hier?" fragte er.
"Vielleicht wollte Agatha ihren Sohn schützen," vermutete Gamred.
"Gut möglich," warf Sir Gaius ein. "Ich glaube, die ... "Mutter" des Jungen und Sir Barrius müssen uns ein paar Fragen beantworten."
"Ob jemand etwas ahnte und eine Erbschaftsgeschichte daraus machen wollte?" vermutete Elffin.
Alle starrten ihn an. "Da ist was dran," sagte Sir Gaius. "Wenn Tarquin Sir Barrius’ Sohn ist, ist er der Erbe der Burg..."
"Aber nur, wenn er den Jungen als seinen Sohn anerkennt," warf Elffin ein. "Und es kann ihm ein Leichtes sein, ihn zu verleugnen. Oder nicht?" Jetzt schaute er hoffnungsvoll.
"Tarquin möchte so gerne ein Knappe werden."
"Nun, das haben nicht wir zu entscheiden. Wir müssen einen Mörder finden... oder eine Mörderin," entschied Sir Gaius.
Elffins Gedanken schlugen Purzelbäume. Er war neugierig, wie Tarquins "Mutter" auf die Konfrontation reagieren würde. Wusste sie es oder nicht?
"Wo ist eigentlich der angebliche Vater von Tarquin?" fragte er unvermittelt.
Sir Gaius starrte seinen Knappen verblüfft an. "Das ist eine sehr gute Frage," antwortete er langsam.

Sir Gaius/Mittsommerfest und Nachforschungen (last edited 2007-01-24 13:32:32 by DanielaNicklas)