Über die Abenteuer des Gaius Secundus

Als er die Straße herauf nach Caer Leon geritten kam, kreuzten die Hellebarden am Tor ihre Speere und fragten ihn nach seinem Namen und Begehr. Er antworte „Mein Name ist Sec und ich habe eine Bitte an König Artus vorzubringen.“ Denn er wollte seinen richtigen Namen noch nicht sagen und war in seiner einfachen Reitkleidung nicht als der Sohn des reichen Patriciers Claudius Severus zu erkennen. Den Großteil seiner reichhaltigen Ausrüstung hatte er bei seinem Freund und Lehrer Marcus Gallus gelassen. Die Torwachen ließen ihn ein, da das Pfingstfest bevorstand, an dem jeder, sei er auch von noch so geringem Rang, eine Bitte an den König vorbringen durfte.

So ritt er also nach Caer Leon ein. Ein Stallbursche kam auf ihn zu und bot sich an, sein Pferd zu versorgen. Sec war zunächst etwas mißtrauisch, denn es handelte sich nicht um ein gewöhnliches Pferd, es war Ceincaled, Sohn des Glorowin, ein voll ausgebildetes andulusisches Schlachtroß und sein treuer Freund. Aber da er sah, daß der Bursche wohl mit Pferden umzugehen verstand, gab er Ceincaled in seine Obhut. Auch er fand ein Dach über dem Kopf in einem großen Raum mit mehreren Betten. Als er dort auf dem Bett saß und gedankenverloren mit dem Dolch seiner Mutter spielte, betraten zwei Leute den Raum: ein älterer Mann, der Kleidung nach ein Page, und ein Jüngling von etwa 15 Jahren, der sich neugierig umsah. Sec ließ den Dolch schnell in der Scheide unter seiner Kleidung verschwinden - er trug ihn ständig mit sich herum - und grüßte die beiden. Der Junge war gerade erst angekommen und wollte Knappe werden, wie sein Vater. Sec hatte für Standesdünkel nie viel übrig gehabt, und obwohl er wohl fünf Jahre älter war, war er froh, jemand zu treffen, mit dem er den ersten Rundgang durch den Hof machen konnte. Der Junge hieß Gwynn und er stimmte den Vorschlag gerne zu.

Zuerst besichtigten sie die Stallungen, den Sec wollte noch einmal nach Ceincaled sehen. Dann spazierten sie zum Turnierplatz, wo sie die hehren Ritter aus all den Geschichten, die wohl jeder in Britannien kannte, leibhaftig vor sich sahen. Sie unterhielten sich gut. Zuletzt landeteten sie im Garten der Königin: ein Gruppe von Rittern saßen dort bei ihr im Gras und es wurden Geschichten erzählt und Lieder gesungen. Die beiden setzten sich etwas abseits dazu und lauschten. Auf einmal wurden sie von hinten gepackt und spürten jeder einen Dolch an der Kehle. Sec konnte sich nicht umdrehen, um seinen Peinigern ins Gesicht zu sehen, und er sprach: „Wer seid Ihr, und warum überfallt ihr uns?“ Er hörte eine melodische Stimme, die so gar nicht zur dem eisenharten Griff paßte, der ihn in der Mangel hatte. „Ihr solltet nicht all zu arglos sein, junger Mann. Und wer seid Ihr, daß Ihr hier ohne Erlaubnis im Garten der Königin sitzt?“ „Mein Name ist Sec, und ich wußte nicht, daß es verboten ist...“ Die Rest der Gruppe sah inzwischen recht belustigt aus, und Sec verstand, daß es sich wohl um einen üblen Scherz handeln mußte. „So, und nun verabschiedet Euch schön, wir verlassen den Garten. Ich entführe Euch Eure Gesellschaft, Mylady, aber ich werde es heute abend wieder gutmachen und die Harfe mitbringen.“, tönte es wieder hinter ihm. Sec deutete mit der Hand eine Verbeugung an - den Kopf konnte er schwerlich senken - und sprach in Richtung der Königin: „Hohe Dame, wie Ihr seht, werden wir gezwungen, Euch recht unfreiwillig zu verlassen - ich bitte vielmals um Entschuldigung.“ Sie lachte und entließ die vier - Sec, Gwynn und ihre Peiniger - mit einer spöttischen Geste.

Als sie den Garten verlassen hatten, wurden sie losgelassen und Sec drehte sich herum. Er sah einen hochgewachsenen Kelten mit langen, weißblonden Haaren und außergewöhnlichen Augen, die ihn leicht amusiert anfunkelten. Neben ihm stand ein Jüngling von etwa 15 Jahren mit schulterlangen, schwarzen Haaren, ungewöhnlicher Blässe und kohlrabenschwarzen Augen. Ein ungleiches Paar. Etwas ärgerlich fuhr er ihn an: „Nun sprecht, wer seid Ihr, und was sollte dieser üble Scherz bedeuten?“ „Nicht so aufbrausend, junger Mann. Mein Name ist Dylan, und ich wurde gebeten, ein wenig auf Euch aufzupassen und Euch mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. Und mein erster Rat ist, etwas freundlicher zu unbekannten Männern zu sein, die solche Gewänder tragen - nicht, daß ich nachtragend wäre, aber andere könnten da recht ungemütlich werden.“ Sec atmete kurz durch. Zwar war er noch immer leicht gereizt, auch durch den etwas spöttischen Ton des ein paar Jahre älteren Kelten, aber er schien ihm trotzdem freundlich gesinnt, und schließlich hatte er noch eine Menge zu lernen am Hof. So sprach er: „In Ordnung. Ich werde daran denken. Und was ist Euer nächster Rat?“ „Nun, heute abend ist Bankett im großen Saal. Ich würde Euch raten, Euch etwas ordentliches anzuziehen, es könnte sein, daß Ihr dem König begegnet.“ Secs Herzschlag setzte einen Moment aus. Seit er vor als Junge von 16 Jahren bei der Hochzeit von Artus und Gwinniver zugegen war, war er von dem Traum beseelt, ein Ritter dieses wunderbaren Königs zu werden. Er war schon fast am Ziel angelangt. Und nun sollte er schon am ersten Abend... „Das werde ich tun.“, antwortete er. „Gibt es sonst noch irgendetwas, was Ihr wissen wollt?“, fragte Dylan. Da bemerkte Sec ein anderes Bedürfnis, und er fragte nach den Latrinen. So trennte sich die Gruppe.

Abends war der große Saal vollgestellt mit Tischen und Bänken, und es herrschte Hochbetrieb. Sec war noch unbekannt zu Hofe und saß unten im Saal, neben Gwynn. Sie unterhielten sich gut. Dann erschien der König, die Menge erhob sich, und er sprach ein paar kurze Worte. Danach setzte der allgemeine Geräuschpegel wieder ein. Sec war ganz warm ums Herz, wie er hier wie er hier in der selben Halle wie der König und seine berühmten Ritter saß, und er genoß den allgemeinen Trubel und die Fetzen von Musik, die von oben, von der Tafel des Königs, herunterkamen. Es war eine Harfe, und eine melodische Männerstimme, und dann sah er, daß es Dylan war, der dort an beim Königspaar saß und sang. Er war doch etwas verwundert, daß ein so hochgestellter Barde sich ausgerechnet um ihn kümmern sollte... Nach dem Mahl zogen sich der König und seine engsten Begleiter zurück. Auch Dylan war nicht mehr zu sehen. Wenig später klopfte Sec ein Page auf die Schulter und er meldete ihm, daß er und sein Begleiter beim König erwartet würden. Sie folgten ihm und er führte sie aus der Halle durch verschiedene Gänge bis zu einer Tür, vor der zwei Wachen standen. Dort verließ sie der Page. Die Wachen öffneten die Tür und sie betraten den Thronsaal.

Der König saß auf dem Thron, neben ihm stand Merlin, und auch Dylan und der schwarzhaarige Jüngling waren anwesend. Sec und Gwynn fielen auf die Knie. Der König sprach: „Erhebt Euch. Mir ist zu Ohren gekommen, daß Ihr in meine Dienste treten wollt und Ritter werden. Ist dem so?“ Sec war überrascht. Anscheinend war er von Hellsehern umgeben. Aber das war tatsächlich sein Wunsch. Er antwortete: „Majestät, ich bin wahrhaftig gekommen um in Eure Dienste zu treten. Ich verstehe mich auf Pferde, und kann auch mit Schwert, Schild und Lanze umgehen, und wenn Ihr der Meinung seid, daß ich würdig sei, Euer Ritter zu werden, dann werde ich das mit Freuden tun. Ich bin aber auch bereit, jeden Dienst zu tun, den Ihr mir auftragt, und sei es der eines Stalljungen.“ Sec war zwar nicht gerade die Bescheidenheit in Person, aber er kannte seine Schwäche, und in diesmal war es sogar die Wahrheit: Für diesen König würde er wirklich alles tun. Er sprach selbstverständlich Latein, über diese Rede hatte er lange nachgedacht. Doch während er sprach, verzog Dylan spöttisch die Mundwinkel, und er sah seinen jungen Freund an, der sich das Lachen kaum verbeißen konnte. Der König schien es nicht zu bemerken, wohl aber Merlin, der auf der anderen Seite des Throns stand und die beiden sah. Dylan flüsterte dem anderen gerade etwas auf kymrisch zu, was Sec nicht mitbekam, Gwynn aber sehr wohl: „Er ist Römer. Sehr römisch.“ Merlin warf einen tadelden Blick hinüber. Da sprach der König wieder. „Nun, wir werden sehen. Wie ist Euer Name?“ „Sec.“ „Sec?“ Artus hob eine Augenbraue. „Meinen vollen Namen möchte ich erst dann nennen, wenn ich bewiesen habe, daß ich ihn verdiene.“

„Nun gut. Es ist Sitte, daß Ihr, bevor Ihr zum Ritter geschlagen werden könnt, eine Prüfung besteht. Ihr werdet morgen früh aufbrechen. Und Ihr wollt Knappe werden, wie ich gehört habe?“ Gwynn sah den König an und sagte: „Ja, das will ich gern.“ „Sehr gut. Ihr beiden scheint Euch schon zu verstehen. Ihr sollt Sec begleiten. Und...“ Der König sah sich um und sein Blick fiel auf Dylan und seinen Begleiter. „... ich denke, Ihr beiden werdet sie begleiten, um mir von ihren Taten zu berichten.“ Einen Moment glaubte Sec, einen leicht amusierten Unterton herauszuhören, aber er mußte sich wohl getäuscht haben. Dann waren sie entlassen und Secs Abenteuer im Dienste des Königs begannen.

Sir Gaius/Erste Abenteuer (last edited 2007-01-24 13:38:37 by DanielaNicklas)