Pendragon - ein neues Jahr
Am ersten Frühlingsmorgen, der seinen Namen auch verdiente, erwachte die Welt um die kleine Burg in den Bergen von Wales und erinnerte sich daran, daß es an der Zeit war, die Geschichten aus ihrem Winterschlaf zu wecken und ein neues Jahr zu beginnen. Noch schlummerte der Saal in der friedlichen Routine des Frühstücks, doch dann kamen Gäste die Straße vom Dorf herauf, mehr, als die Burg den ganzen Winter über gesehen hatte: Ratius, ein reisender Mann Gottes, der rasten wollte, bis er über die Berge weiter Richtung Küste wandern konnte. Ive, der heimkehrende französische Ritter, der seinen nun fast einjährigen Sohn überschwenglich begrüßte. Und Gamred, der aus dem Norden kam und beunruhigende Nachrichten brachte: er sei der Sohn des Jägers von Lord Briant, und vor etwa zehn Tagen hätte Lord Miles zusammen mit zwanzig sächsischen Söldnern die Burg überfallen und eingenommen. Ihm selbst sei gerade noch die Flucht gelungen, nachdem er versucht hatte, mit seinen Pfeilen die Zahl der Angreifer zu dezimieren.
Miles schien das Erbe für seine vier Söhne vergrößern zu wollen. Unrechtsbewußtsein, die Sorge um die eigene Burg und sicherlich auch die Ereignislosigkeit des Winters brachten Gaius schnell zu der Überzeugung, daß man so etwas Miles nicht durchgehen lassen konnte. Als erste Maßnahme plante er einen Besuch bei seinem anderen Nachbarn, Lord Madog, um mit ihm weitere Aktionen zu beraten. Unter Dylans Obhut konnte er Castle Meady sicher wissen, und so brach bald eine größere Kalvakade dorthin auf: Ive ließ es sich genauso wenig nehmen, mitzukommen wie Jeanne, die immer auf der Suche nach neuen Geschichten war, Ratius wollte nicht mit Dylan allein auf der Burg zurückbleiben, Gamred kannte die Gegebenheiten bei der Burg natürlich am besten, und Gaius hatte seinen Pferdejungen befördert, der ihn nun als Knappe begleitete.
Madog hatte die Neuigkeiten schon gehört. Er wollte jedoch selbst nicht eingreifen. Zum einen traute er sich nicht zu, zu beurteilen, ob König Artus eine solche Aktion gutheißen würde, zum anderen wollte er seine eigene Burg nicht unbewacht zurücklassen. Aber er überließ vier seiner Bewaffneten der veritablen Streitmacht, die daraufhin auszog, Briants Burg zurückzuerobern, verstärkt durch den inzwischen eingetroffenen Sir Cay.
Auch mit drei Rittern und fünf Bewaffneten greift man keine Burg mit zwanzig sächsischen Söldnern an. Also mußten andere Pläne gefunden werden. Vielleicht war Miles' eigene Burg jetzt unterbesetzt, sofern er seine Leute nicht wieder verteilt hatte. Außerdem wünschte sich auch Gaius eine Rückversicherung vom König, bevor er hier möglicherweise einen Kleinkrieg anzettelte. Also teilte sich die Gruppe auf: Ive reiste nach Cair Leon, auf Wegen, die nur er nehmen konnte. Cay, Ratius und Gamred erkundeten Briants Burg, während Gaius und Jeanne als Gaukler verkleidet zu Miles' Heimstatt reisten. Der Burgkommandant dort ließ sie gerne ein, zu Essen gab es genug, denn der Herr war außer Haus und seine Söhne lagen besoffen im Bett, so daß nichts einer großzügigeren Verteilung der Vorräte entgegensprach. Allerdings fehlten ihm Leute, die Burgwache war völlig unterbesetzt, er meinte wörtlich: "Wenn jetzt einer unserer Nachbarn auf die Idee kommen würde, diese Burg hier anzugreifen, müßten wir uns sofort ergeben." Und so ging Gaius auf das Angebot einer Stelle als Wachsoldat ein, während Jeanne zu den anderen zurückreiste.
Gaius war der schlechteste Wachmann aller Zeiten. Nicht nur, daß er sich bewußt ungeschickt anstellte, um sich nicht durch seine eigentlichen Fähigkeiten zu verraten, nein, als eine Woche später Cay und Ive und ihre kleine Streitmacht nächtens vor dem Tor standen, ließ er sie einfach ein. Als der Burgkommandant schließlich aufgewacht und in den Hof gestürmt kam, saß Gaius bereits zu Pferd, richtete sein Schwert auf ihn und sagte: "Wie war das? Wenn einer der Nachbarn auf die Idee kommen würde, diese Burg anzugreifen, müßtet ihr euch sofort ergeben? Jetzt wäre ein guter Moment dazu." Der Anblick zweier Ritter samt größerem Gefolge in seinem Burghof veranlaßten den Kommandanten schnell dazu, den Worten seines ehemaligen Wachmannes Glauben zu schenken, und so endete die erste Burgeroberung unblutig.
Auch der vierte von Miles' Söhnen, der auf Jagd gewesen war, fiel den neuen Burgherren in die Hände. Im Gegensatz zu den anderen war er kein Saufkopf sondern ein sanftmütiges Jüngelchen, das sich lieber im Wald herumtrieb als sich von seinem Vater herumschubsen zu lassen. Ein kleines Verwechselspiel mit seinem Begleiter, einem Jungen aus dem Dorf, wurde schnell durchschaut. Aber lange wollten sie sich auf dieser Burg nicht aufhalten, denn eigentlich galt das Sinnen ja Briants Burg.
So wurden drei älteren Söhne zu Madog geschafft, und der Rest ging nun daran, diese Aufgabe zu lösen. "Heute erobern wir Briants Burg, und dann reiten wir nach Cair Leon. - Natürlich zum Pfingstfest, was glaubt ihr denn?" Bei der jugendlichen Begeisterung, die aus Gaius' Augen sprühte, glaubten sie ihm vermutlich alles.
Im Wald wurde ein Hinterhalt gelegt, ein Lager, umgeben von Fallen und günstigen Gelegenheiten für die, die sich auskennen. Als am Abend die Wegelagerer beim dürftigen Mahl zusammensaßen, schwebten auf wunderbare Weise Körbe vom Himmel herab, getragen von Falken, gefüllt mit den feinsten Köstlichkeiten. Und Dylan, der eigentlich weit entfernt in Castle Meady weilen wollte, kam aus dem Wald getreten und gesellte sich zu der schlemmenden Runde.
Am nächsten Tag ging der tapfere Schmied aus Briants Dorf zur Burg, um zu melden, daß er im Wald einige Bewaffnete hätte lagern sehen. Wie gewünscht machte Miles mit seinen nur noch dreizehn sächsischen Söldnern einen Ausfall. Da das Terrain gut vorbereitet war, wurde es ein Gemetzel, das kein Sachse, wohl aber der sich vorsichtig zurückgehaltene Miles überlebte.
Doch ohne Streitmacht im Rücken war Miles ein einfacheres Spiel. Die Kalvakade zog vor die Burg und Gamred überbrachte ihm die Forderung von Gaius. In den frühen Abendstunden nahm er sie an - was hätte er auch sonst tun sollen? - und nach einem kurzen, aber heftigem Kampf hatte Gaius ihn vom Pferd gestochen und entwaffnet. Er ließ ihn jedoch am Leben, damit er sich persönlich bei König Artus für seine Missetaten verantworten könne.