Der geistige Krieg

... zwei Nachklapp-Szenen vom FROST 07 - Pendragon - Abenteuer

Gaius

(von Dani)

Lange waren sie geritten, um den verwunschenen Wald und seine missgelaunten Bewohner zu hinter sich zu lassen. Schließlich rasteten sie auf einem Hügel, der sich freundlich aus den im Abendlicht schwarz gewordenen Bäumen erhob. Bei der Verteilung meldete sich Gaius für die dritte Wache und legte sich bald darauf neben dem Feuer zur Ruhe.
Das Gespräch mit dem piktischen Druiden ging ihm nicht mehr aus dem Kopf. Ein geistiger Krieg, bei dem die Götter des Alten Wegs, wie Drust es genannt hatte, sich gegen den Neuen Weg stellten. Sie wollten von den Menschen nicht vergessen werden. Auch Cay hatte von einer großen Schlacht erzählt, als sie in der Anderswelt gefangen war. Es klang plausibel: die Menschen in diesem Land hatten den wahren Schöpfer vergessen und sich eine Religion aus Naturgeistern, Feenwesen und anderen mystischen Geschöpfen geschaffen. Nun, da die Lehren von Jesus Christus durch Josef von Amitrea wieder bekannt wurden und sich verbreiteten, wehrten sich nicht nur die Menschen, die ihren alten Glauben nicht ablegen wollten, sondern auch diese Wesenheiten gegen diese Invasion. So, wie sich auch die Barbaren gegen das Ausbreiten des römischen Reiches gewehrt hatten.
Aber wenn dem so war, dann standen Cay und er in diesem Krieg auf verschiedenen Seiten. Dann war das nicht einfach eine Frage verschiedener Kulturen und Rituale, sondern es würde sie immer wieder heimsuchen und sie irgendwann vor Entscheidungen stellen, die sie nicht würden treffen könnten.
Wie konnten sie diese Kluft überwinden? Ihm fiel ein, dass Cay bereits erste Schritte getan hatte: beim letzten Sonnwendfest war sie mit ihm in die Mitternachtsmesse gegangen, anstatt zu den Beltane-Feuern. Auch war sie bereit, seine Vorstellungen einer christlichen Ehe zu akzeptieren, auch wenn sie sich damit lebenslang binden würde. Und was hatte er getan? Überhaupt nichts. Nur Ärger hatte er ihr bereitet, als die Feen ihm seine Wünsche bewusst missdeuteten – sicher auch eine Strafe für seine Ignoranz.
"Auch wenn deine Familie seit drei Generationen hier lebt, braucht es etwas mehr, um dieses Land zu verstehen", hatte Drust zu ihm gesagt. Das ging Gaius nicht mehr aus dem Sinn. Irgendetwas daran stimmte nicht, aber er konnte nicht sagen, was. Als er weiter drüber grübelte, wurden seine Lider schwer. Das letzte, was er sah, bevor er in den Schlaf fiel, war eine Frau in den Gewändern einer keltischen Priesterin, die eine Prozession mit einer Marienstatue über die Felder führte.

Und auf beiden Seiten des Feldes standen die feindlichen Heere still, die Häupter gesenkt in Andacht, und ließen die Prozession passieren. Die Frauen und Mädchen auf dem Feld sangen eine alte, kymrische Weise mit einem neuen, lateinischen Text, und streuten Blumen, um das neu sprießende Korn zu segnen und den Beistand der Mutter zu erbitten. Gaius stand auf einem Hügel, wandte sich von der Szene ab und ging hinunter in eines der Feldlager, wo sein Zelt stand, geschmückt mit Wimpeln, einem römischen Adler und seinem Wappen. Als er eintrat, sah er in dem Zelt einen gefesselten Jungen liegen, Blut auf der Stirn, der ihn unter langen, dunklen Haaren vorwurfsvoll ansah.
"Wer bist du?", fragte Gaius.
"Ein Kriegsgefangener. Das weißt du, du hast mich selbst hier her gebracht."
"Und wie ist dein Name?"
"Gawen."
Gaius wurde wütend, wie immer, wenn er diesen Namen hörte, er zog sein Schwert und führte einen mächtigen Hieb gegen den Jungen. Doch seine Klinge ging durch den Körper, als wäre er nicht vorhanden, und schnitt ein Loch in den Teppich.
"Du kannst mich nicht töten", sagte der Junge.
Gaius senkte das Schwert und ließ es schließlich los. Es fiel auf den Boden und verschwand. "Was bedeutet das alles?", fragte er verwirrt.
"Wenn du mich losbindest, kann ich dir vielleicht helfen", antwortete Gawen, und sah ihn weiterhin mit diesen Augen an, die Gaius so bekannt vorkamen.
"Bist du eine Fee? Treibt ihr weiter euer böses Spiel mit mir? Ich höre nicht mehr auf euch!", rief er, und stürmte aus dem Zelt. Dort stand sein Pferd, und er wollte sich auf den Rücken Ceincaleds schwingen und davon galloppieren. Doch dann drehte es den Kopf, und Gaius erkannte, dass es nicht sein Streitross war, sondern Wish, das geliebte Pony seiner Kindheit. Die buschige Mähne war mit Blüten geschmückt, und es wieherte leise zur Begrüßung.
Mit jedem Schritt, den er auf Wish zuging, wurde er kleiner. Nach und nach löste sich auch seine Rüstung von ihm ab, die Lederschuppen fielen wie Schneeflocken. Als er schließlich neben dem Pony stand, hatte er die Gestalt eines siebenjährigen Jungen. Wish beugte sich zu ihm. Unter den langen Wimpern schimmerten seine großen, dunklen Augen. Gaius blickte hinein, und in diesem Spiegel sah er das Gesicht Gawens. Er griff sich in die Haare. Sie waren lang und manche der Strähnen waren zu Zöpfen gebunden.
"Gawen, komm, es gibt Essen!", hörte er eine Frauenstimme.
Das Feldlager war verschwunden, und vor dem römischen Landsitz seines Vaters stand die Priesterin und rief nach ihm. Er rannte los, sie breitete die Arme aus, er ließ sich hineinfallen und barg sein Gesicht in ihr Kleid, das noch nach Blumen und Weihrauch roch.
"Ist ja gut", sagte sie, und legte ihre Hände auf seine Schultern. "Lass uns reingehen, Gawen."
Doch er wollte sich nicht bewegen. Diese Geborgenheit hatte er so lange vermisst, und er wollte sie nicht wieder aufgeben. "Gawen!", rief sie und schüttelte ihn. "Gawen-Gaius!"
Ihre Stimme hatte sich verändert, und als er die Augen aufriss, sah er Cay vor sich.
"Gaius, deine Wache beginnt gleich", sagte sie. Dann blickte sie ihn prüfend an. "Oder soll ich lieber – du siehst ziemlich fertig aus …"
Er rappelte sich auf. "Nein, nein. Mir geht es gut. Ist alles ruhig?"
"Der Wald macht seltsame Geräusche", antwortete sie. "Aber sie kommen nicht hierher."
"Da bin ich mir nicht so sicher", murmelte er, und griff nach seinem Schwert, um sich für seine Wache zu rüsten.

Drust

(von Thorsten)

Während Gaius die Wache übernimmt und sich um das wärmende Feuer kümmert, erwacht Drust aus seinen unruhigen Träumen. Sicher beschäftigt ihn das Gespräch mit Gaius, denn was ist wenn der Römer recht haben mag? Was ist wenn der Gott der Christen, doch der Herr der Götter ist? Noch nie hat ihn ein Gespräch mit einem Anhänger des neuen Weges so bewegt. Den Gaius ist anders, er hat Verständnis oder zumindest zeigt es solches. Langsam streicht sich Drust die Schlaftrunkenheit aus den Augen. Mit einem lächeln grüßt er seinen Gefährten am Feuer, der diesen stillen Gruß erwidert. Doch der Druide wollte noch nicht reden und so machte er sich auf zu einem nahe gelegenen See.

Am Ufer angekommen beobachtete er die Wasseroberfläche und warf immer wieder kleine Kiesel. Die dadurch einstanden Unruhen ergaben Bilder in seinem Geiste. Und sein Lehrmeister hat ihm einmal erklärt, das alles seinen Sinn ergeben wird. Denn Zufall soll für die Einfältigen sein. In Momenten wie diesen wünschte er sich Einfältig zu sein und nicht nachdenken zu müssen. Doch die Götter haben ihn zu einem Denker gemacht und ihn auf den Weg eines Druiden gesandt. Sicher waren seine Eltern sehr Stolz auf ihn. Schnell wurde Drust bewusst, das er so schnell keine Antwort auf die vielen Fragen finden wird. Er sollte sich Zeit lassen und in aller Demut seinen Auftrag erfüllen. Und das hatte er gut. Über die Jahre hinweg hat der junge Druide unzählige wertvolle Informationen über den Hof Artus gesammelt und jetzt war er bereit diese weiterzugeben. Doch brachte ihn auch sein ursprünglichen Ziele in wanken. Im Grunde war er wie so ein Kiesel, den er gerade auf die Wasseroberfläche zusteuerte. Sein Ziel hatte er nie aus den Augen verloren, doch kurz vor Beendigung musste Drust festellen, das es damit nicht getan sein wird. Denn wenn der Kiesel auf der Wasseroberfläche auftrifft, ist seine Reise noch nicht beendet und genauso wird es ihm ergehen.

Sir Gaius/Der Geistige Krieg (last edited 2007-01-24 13:35:08 by DanielaNicklas)